Status Quo: Teil 1 Fachzeitschriften und mehr
Das Projekt „Grazia Colonia“ der Karl-Franzens-Universität Graz und der Fachhochschule Köln untersuchte 2002 die Rahmen einer szientometrischen Studie das Publikations- und Rezeptionsverhalten deutsprachiger Informationswissenschaftler und -Praktiker. [1]
Die Autoren der Studie erstellten u.a. Rankings der Periodika nach Publikations- und Rezeptionshäufigkeit. Nach diesen wird die Landschaft der deutschsprachigen Periodika durch die in Tabelle 1 genannten Organe geprägt (Grazia Colonia 2002; Schloegl & Stock 2004).
| Name der Zeitschrift (alphabetische Reihung) | Reihung nach „Grazia Colonia“-Indikator „Rezeptionshäufigkeit“ | Reihung nach „Grazia Colonia“-Indikator „Publikationshäufigkeit“ |
|---|---|---|
| ABI-Technik | 3 | 9 |
| B.I.T.online | 6 | 5 |
| Bibliothek. Forschung und Praxis | 5 | 6 |
| Bibliotheksdienst | 1 | 2 |
| BuB – Forum Bibliothek und Information | 2 | 1 |
| Information – Wissenschaft und Praxis Information | 7 | 4 |
| PASSWORT | 10 | 10 |
| ProLibris | 8 | 8 |
| VÖB Mitteilungen | 9 | 7 |
| Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie | 4 | 3 |
Tabelle 1: Kernzeitschriften der deutschsprachigen Informationswissenschaften nach Grazia Colonia (2002)
Tabelle 2 [2] gibt einen detaillierten Einblick auf die zehn Kernzeitschriften. Diese Journale sind Teil von international 968 aktuell erscheinenden Fachzeitschriften, die dem Feld der Informationswissenschaften und Informationspraxis zugeordnet werden können (Böll 2007; 2010). Zu unterscheiden sind Publikationen, die als institutionelles Publikationsorgan von einem Verband getragen werden und Publikationen die durch ein institutionell nicht gebundenes Herausgebergremium betrieben werden.
Eine detaillierte Betrachtung der Zeitschriften und ihrer jüngsten szientometrischen Analysen (Grazia Colonia 2002; Schloegl & Stock 2004; Böll 2007 und 2010) soll hier nicht gegeben werden.
Auffallend ist, dass die Journale noch immer durch das Trägermedium Papier geprägt sind. Werden parallel oder zeitlich verzögert elektronische Versionen veröffentlicht, so können diese lediglich als Ergänzungen betrachtet werden.
Mit der Gründung bzw. Weiterentwicklung der beiden Open-Access-Zeitschriften „GMS Medizin – Bibliothek – Information“ (seit 2006) [3] und „LIBREAS. Library Ideas“ (seit 2005), ist in den letzten Jahren etwas Dynamik entstanden. „GMS Medizin – Bibliothek – Information“ befasst sich, als Organ der Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen (AGMB), mit dem Bibliotheks- und Informationswesen in der Medizin, „LIBREAS. Library Ideas“, definiert sich selbst als „Diskursmedium“ (Libreas 2010) und sucht die Nähe zum Feuilleton. Die positive Entwicklung der beiden Zeitschriften legt die Vermutung nahe, dass ein langsamer Wandel im Feld eintritt, der dem Trend einer zunehmend digitalen Wissenschaftskommunikation folgt. Jüngstes Beispiel für diese Entwicklung ist die 2008 an der Fachhochschule Potsdam gegründete Zeitschrift „BRaIn – Potsdamer Beiträge und Reportagen aus den Informationswissenschaften“.
Die Fachkommunikation wird zwar durch die Publikationsform Zeitschrift geprägt, jedoch nicht dominiert. Über das Journal hinaus dienen insbesondere Konferenzen dem fachlichen Austausch in formeller und informeller Form. Einige Veranstaltungen, hervorzuheben sind hier der „Bibliothekartag“ bzw. der „Kongress für Information und Bibliothek“, die „DGI-Online-Tagung“ sowie das „Internationale Symposium für Informationswissenschaft“ veröffentlichen in Tagungsbänden Textversionen der gehaltenen Vorträge.
Weiter gewinnen die Websites informationswissenschaftlicher Fachveranstaltungen an Bedeutung. Auf ihnen werden neben präsentierten Folien vermehr auch Video-Aufzeichnung zugänglich gemacht. Daneben verwenden die Veranstaltungsteilnehmer immer häufiger aus eigener Initiative kommerzielle Webdienste, um sich selbst, sowie nicht an der Veranstaltung teilnehmende Dritte, über Veranstaltungsinhalte zu informieren. Vermehrt werden diese Dienste auch von den Veranstaltern unterstützt. Zwei heute typische Ausprägung sind Beiträge, unter Verwendung eines einheitlichen Schlagwortes (Hashtag), beim Microblogging-Dienst Twitter, um auf Beiträge, Quellen etc. zu laufenden Vorträgen aufmerksam zu machen (Reinhardt et al. 2009), sowie die Nutzung von Media-Sharing-Diensten wie z.B. Slideshare, um Präsentationsfolien zeitnah in einer webgerechten Umgebung zu präsentieren. [4]
Eine weitere Publikationsform, die für die Informationswissenschaften von Bedeutung ist, ist die Qualifikationsarbeit. Sie wird an einigen Hochschulen in Schriftenreihen primär elektronisch veröffentlicht. Beispielhaft seien hier die „Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ der Humboldt-Universität zu Berlin oder die „Churer Schriften zur Informationswissenschaft“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur genannt.
Fußnoten:
[1] Die Bibliothekswissenschaften werden hier als Teildisziplin der Informationswissenschaften betrachtet.
[2] Diese Tabelle findet sich bei Google Docs.
[3] Die Zeitschrift erschien davor, seit 2001, unter dem Namen „ Medizin – Bibliothek – Information“.
[4] Beispiel InetBib-Tagung 2010: Twitter-Archiv und -Statistik unter URL: http://twapperkeeper.com/hashtag/inetbib2010 bzw. URL: http://summarizr.labs.eduserv.org.uk/?hashtag=inetbib2010 sowie Slideshare-Gruppe unter URL: http://www.slideshare.net/group/inetbib-2010
Literatur:
Böll, S. K.: A Scientometric Method to Analyze Scientific Journals as Exemplified by the Area of Information Science. Saarbrücken, Universität des Saarlandes, Thesis, 2007. URL: http://scidok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2009/2078/
Böll, S. K.: Informations- und bibliothekswissenschaftliche Zeitschriften in Literaturdatenbanken. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Bd. 57 (2010), Nr. 1, S. 26-36
Grazia Colonia: Informationswissenschaftliche Zeitschriften in szientometrischer Analyse, Kölner Arbeitspapiere zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Köln : Fachhochschule Köln, 2002. URL: http://opus.bibl.fh-koeln.de/volltexte/2003/36/
Libreas: „Zwischen Spex und bibliothekarischem Feuilleton“- Was ist LIBREAS? URL http://libreas.wordpress.com/2010/06/28/zwischen-spex-und-bibliothekarischem-feuilleton-was-ist-libreas/. – abgerufen 2010-07-25. - LIBREAS.Library Ideas.
Reinhardt, W. ; Ebner, M. ; Beham, G. ; Costa, C.: How people are using Twitter during conferences. In: Hornung-Prähauser, V.; Luckmann, M. (Ed.): Creativity and Innovation Competencies on the Web, 2009, S. 145-156.
Schloegl, C. ; Stock, W. G.: Impact and Relevance of LIS Journals: A Scientometric Analysis of International and German-Language LIS Journals – Citation Analysis Versus Reader Survey. In: Journal of the American Society for Information Science and Technolog Bd. 55 (2004), Nr. 13, S. 1155-1168.
Weitere Materialien:
Tabelle 1 und Tabelle 2 bei Google Docs.
Die vollständige Bibliographie findet sich in strukturierter Form bei Zotero.

Kleiner Einwurf: Zumindest für die Bibliothekswissenschaft gilt nicht, dass der fachliche Diskurs vorwiegend auf Konferenzen stattfindet. Wann hat man bei einer Konferenz schon einmal etwas gehört, was wirklich neu war?
Meine subjektive Wahrnehmung: der Diskurs findet dort statt, wo man auch tatsächlich diskutieren, also partizipieren kann. Hier. In an deren Blogs. Teils in Mailinglisten, in Foren, Wikis und so weiter. Bei Konferenzen, zumindest bei den oben genannten großen Konferenzen, müsste man dies auf die Kaffeepausen und die Flurgespräche einschränken.
Es gibt ja auch faktisch keinen Grund mehr, eine Erkenntnis bis zur nächsten Konferenz geheim zu halten. Es stehen genügend alternative und informelle Kommunikationskanäle zur Verfügung.
[...] ersten “richtigen” Posting gibt es erst einmal eine Ist-Aufnahme der deutschsprachigen Fachzeitschriften. Kommentar-RSS für diesen Artikel: RSS 2.0. Sie können einen Kommentar abgeben, oder [...]
Wo ist denn Tabelle 2? Ich sehe nur #1…
@Cornelius
Siehe Fußnote 2:
http://is.gd/eoQ3B
Dort: Tabellenblatt 2
Ich muss Christian zustimmen, wenn auch nicht ganz
Ich erfahre schon eine ganze Menge auf Konferenzen insbesondere auch über Produktneuheiten von komerziellen Anbietern. Desweiteren stellen internationale Konferenzen ein gutes Medium dar da man ja nicht alle Blogs zu 100% verfolgen kann. Hinzu kommt das nicht alle laufenden Projekte ein Blog betreiben. Meiner Meinung sind nicht die Konferenzen das Problem sondern wie wie organisiert werden (zu lange, zu langweilige Vortäge über Projekte anstatt Lighting-Talks wie auch der Inetbib), zu starke Fokusierung der deutschsprachigen Konferenzen auf die Vergangenheit (was ist gelaufen) anstatt auf Trends (welche wirklich neuen Konzepte werden entwickelt und diskutiert).
In dem Artikel fehlt jedoch ein Verweis auf die Studie, die auf der Inetbib 2010 vorgestellt wurde, der man entnehmen kann das fast alle Trendthemen zuerst in Blogs besprochen wurden. (http://hdl.handle.net/2003/27157) Interessant wäre mal eine Untersuchung wie stark Blogs in LIS Zeitschriften / Abschlussarbeiten im Verhältnis zu Zeitschriften zitiert werden.Blogs sind meiner Meinung inzwischen ein integraler Teil der bibliothekarischen Fachkommunikation geworden und haben durchaus das Potenzial mittelfristig sogar zu einem Leitmedium im Bereich LIS zu werden.
Hi,
der Teil hat mich interessiert und so habe ich mir mal die letzen 10 Ausgaben der “Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft” angeschaut (276-285). Blogs tauchen da nur sehr eingeschränkt als Quellen auf, ist sehr abhängig vom Thema..
Bei diesen 10 wurden waren nur in 2 Arbeiten Blogs im Literaturverzeichnis erwähnt, bei einer Arbeit gab es 2 Nennungen bei einer anderen dafür gleich 12 (die Arbeit über Literaturverwaltungssysteme ein Thema was hier in den Fachblogs oft angesprochen wurde)
Also entweder es gibt keine Blogquellen oder sie werden nicht rezipiert oder es herrscht die Angst vor, das diese nicht als “seriöse” Quellen gesehen werden (gerade bei Abschlußarbeiten ist man ja eher vorsichtig..)
@PatrickD
Die Bedeutung des Webs für die Fachkommunikation werden wir im nächsten Beitrag ausführlich aufgreifen.
[...] geschrieben werden, die vor ihrer publizistischen Tätigkeit in Blogs nur vereinzelt in den genannten Kernzeitschriften veröffentlicht [...]
[...] Diese Tabelle findet im Beitrag Status Quo: Teil 1 Fachzeitschriften und mehr und bei Google [...]