Status Quo: Fachblogs — „Amateure“ erschließen das Web als Informationsraum
Das Web ist spätestens mit dem Aufkommen bibliothekarischer und archivarischer Fachblogs ab 2001 in Deutschland zu einem eigenständigen Raum der Fachkommunikation geworden.[1] Als ein Vorläufer dieser Blogs kann die bibliothekarische Mailingliste Inetbib betrachtet werden, die seit 1994 besteht und sich mit aktuell 6.000 Subskribenten zum größten Kommunikationsmedium der Branche entwickelt hat.
Mit der Entwicklung der Blogs ist insbesondere ein Raum für die vertiefende Beschäftigung mit technologischen Entwicklungen im Bibliotheksbereich entstanden. Untersuchungen zeigen, daß Themen wie Chatauskunftsdienste (Stabenau 2007), die Einführung von RFID (Stieger 2007) oder Open-Source-Software an Bibliotheken (Barbers et al. 2010) in den fachlichen Blogs früher als in den genannten Kernzeitschriften diskutiert worden sind.
Charakteristisch für die Fachblogs ist laut Stieger (2007) das Setzen von Links auf andere Online-Ressourcen. Hier wird das Potential des Webs als virtueller Raum untereinander vernetzter Dokumente intensiv genutzt. Als typisch wird auch die kontinuierliche Beschäftigung mit einem Thema beschrieben. Aufsätze in Fachzeitschriften dagegen müssen den Erscheinungsrythmus des Publikationsmediums berücksichtigen: Es ist nicht möglich zeitlich verzögert kleinere Ergänzungen an Ort und Stelle vorzunehmen. Follow-Ups in Gestalt weiterer vollständiger Aufsätze sind zwar prinzipiell möglich, geschehen aber selten. Für webbasierte Medien wie Wikis und Blogs ist hingegen das inkrementelle Ergänzen bereits veröffentlichter Informationen möglich und typisch. Beide Ansätze können sich ergänzen; so werden Blogs von Aufsatz-Autoren oft als Rahmen verwendet, um auf Kritik einzugehen oder nachträgliche Ergänzungen vorzunehmen.[2]
Ähnlich wie Mailinglisten vereinfachen Blogs das Publizieren für den Einzelnen. Anders als in einer Mailingliste braucht der Autor jedoch nicht das (vermutete) Mehrheitsinteresse der Listen-Abonnenten zu berücksichtigen; zur Prämisse des Blogs (“Pull-Medium” statt “Broadcasting”) gehört, daß der Leser aktiv selektiert, was für ihn Bedeutung hat. Ergänzende Werkzeuge wie der fachspezifische öffentliche Webaggregator Planet Biblioblog 2.0[3] können helfen, dieses Rezeptionsverhalten zu unterstützen.
| Jahr | Anzahl der im LISWiki dokumentierten Blogs[4] |
| 2006 | 12 |
| 2007 | 41 |
| 2008 | 63 |
| 2009 | 77 |
| 2010 | 84 |
Tabelle 3: Zeitreihe zur Anzahl informeller deutschsprachiger Fachblogs im LIS-Bereich 2006-2010
Blogs können von jedermann eingerichtet werden; anders als Fachzeitschriften erheben sie also nicht den Anspruch, qualitätsgesicherte Publikationsorte für “Experten” zu sein.
Für die informationswissenschaftliche Fachöffentlichkeit in Deutschland ist zu beobachten, daß etablierte Gemeinschaftsblogs wie Archivalia,[5] bibliothekarisch.de,[6] Infobib[7] und netbib[8], häufig von Berufspraktikern geschrieben werden, die vor ihrer publizistischen Tätigkeit in Blogs nur vereinzelt in den genannten Kernzeitschriften veröffentlicht haben.
Wenn man „Amateure“ von „Profis“ so abgrenzt, daß sie im Gegensatz zu letzteren nicht entlohnt werden und auch nicht unmittelbar für die Lehre, im Auftrag ihres Arbeitgebers o.ä. im Fachblog schreiben, dann haben die oben genannten Fachblogs praktisch durchgängig einen Amateur-Charakter. Ihre Autoren werden, wie Stabenau (2007) hervorhebt, aus eigenem Antrieb aktiv. Man kann vermuten, daß eine solche intrinsische Motivation die Herausbildung einer kritischen, unabhängigen Fachöffentlichkeit begünstigt; Hypothesenartig ist etwa das frühe Aufgreifen des Themas Open Access, sowie die kritische Behandlung von Themen wie Digital Rights Management im Bibliotheksbereich und Nutzungsbedingungen der Katalogdaten von OCLC in Blogs beschrieben worden.[9]
Der Amateur-Charakter unterscheidet die deutschsprachige Fachöffentlichkeit in den Blogs von der angelsächsischen Fachwelt. In den USA und anderen Ländern wurden Blogs frühzeitig von Verbänden wie der ALA[10] aufgegriffen und aktiv genutzt; gleiches gilt für viele Lehrende und Bibliotheksdirektoren. Eine vergleichbare Entwicklung hat in Deutschland später und schwächer eingesetzt. Hochschuldozenten der Disziplin wie Askey,[11] Hobohm,[12] Hilf,[13] Kuhlen[14] und Seadle[15] bloggen, und das bereits benannte frühe Thematisieren technologischer Entwicklungen findet nun auch in der institutionalisierten (Weiter-)Bildung und in der klassischen Fachkommunikation seinen Ort.
Fußnoten:
[1] Im Folgenden werden Blogs im engeren Sinne als informelle, persönliche Websites, die in unregelmäßigen Abständen von Einzelnen oder Gruppen aktualisiert werden, definiert. Technisch ähnlich, aber als Genre zu unterscheiden, sind Blogs, die als offizielle Nachrichtenkanäle zwischen einer Institution (z.B. einer Bibliothek) und ihren Benutzern fungieren.
[2] Beispiel für einen Blog-Artikel, der eine vorangegange Aufsatzveröffentlichung des Autors ergänzt und erweitert. URL: http://log.netbib.de/archives/2007/11/12/refworks/
[3] URL: http://rss.netbib.de
[4] Erhebung jeweils Ende Juli / Anfang August. Quelle: URL: http://liswiki.org/wiki/Weblogs_-_Non-English#Individual
[5] URL: http://archiv.twoday.net/
[6] URL: http://bibliothekarisch.de
[7] URL: http://infobib.de
[8] URL: http://log.netbib.de
[9] Vgl. einen Kommentar zu einem Beitrag im netbib weblog 2008, URL: http://log.netbib.de/archives/2008/12/03/tipps-gesucht-2/#comment-41698
[10] Siehe z.B. URL: http://www.alatechsource.org
[11] URL: http://htwkbk.wordpress.com
[12] URL: http://hobohm.info
[13] URL: http://www.zugang-zum-wissen.de/journal
[14] URL: http://iuwis.net/blog und URL: http://www.netethics.net
[15] URL: http://michael-in-berlin.blogspot.com
Die vollständige Bibliographie findet sich in strukturierter Form bei Zotero.

Ein interessanter Aspekt, der immer kontrovers diskutiert wird, ist die Unterscheidung zwischen Laien und Professionellen. Per se wird letzteren eine höhere Qualität einfach aus ihrem Status herauszugesprochen. In der Blogosphäre wird immer wieder dies diskutiert und dabei auf den Vorteil intensiver Beschäftigung mit dem Thema bei “Laien” hingewiesen. Ist eine Unterscheidung tatsächlich wichtig und notwendig? Ist die Statuszuschreibung nicht eher einfacher im Blog als in Zeitschriften zu erkennen? Was sagt die Studie dazu?
Gut, daß der Begriff “Amateur” hier in Anführungzeichen gesetzt wurde. Klar, gemeint ist eine Abgrenzung von den im Rahmen ihrer Berufsausübung bloggenden Kollegen aus der angelsächsischen Fachwelt. Da mit dem Begriff “Amateur” oft aber unprofessionelle, nur mit Teilwissen behaftete geringere Qualität verbunden wird, gefällt mir diese Bezeichnung für die meist sehr gut informierten bloggenden Kollegen im deutschsprachigen Raum gar nicht.
Wer wird denn unmittelbar für publizistische Tätigkeit in der bibliothekarischen Fachkommunikation entlohnt? Wenn man Profis wirklich so definiert, bleiben nicht viele übrig.
Was übrigens die Publikation in “konventionellen” Zeitschriften angeht, waren einige BloggerInnen vor ihrer Blogzeit teils einfach noch zu jung, bzw. noch in Ausbildung, oder? Ich möchte hier keinen Generationenkonflikt konstruieren, aber es wäre sicherlich eine Untersuchung wert, wie die Altersstruktur der Autorenschaft analog und digital jeweils aussieht.
Die Äußerung, dass “Blogs von Aufsatz-Autoren oft als Rahmen verwendet [werden], um auf Kritik einzugehen oder nachträgliche Ergänzungen vorzunehmen”, möchte ich auch hinterfragen. Wie oft ist das denn im deutschsprachigen Raum der Fall?
PS: Ihr habt Euch eine undankbare Aufgabe aufgeladen. Bei einer Ist-Analyse werden zwangsläufig viele Kritiker auf den Plan treten und sich an einzelnen Punkten aufreiben. Bitte nicht entmutigen lassen!
Mein Kommentar: http://archiv.twoday.net/stories/6480004/
Um die Lücke zwischen traditionellen Zeitschriftenartikeln und dem Web 2.0 zu schließen, wäre es gut, wenn mehr Zeitschriften eine Kommentarfunktion anbieten würden (wie z.B. Nature). Dann könnte man die Artikel direkt dort diskutieren, wo man sie herbekommt. Man wäre nicht darauf angewiesen, daß der/die Autor/-in ein Weblog hat und dort seinen/ihren Artikel zur Diskussion stellt, oder daß der Artikel in irgendeinem anderen Blog thematisiert wird (das man erstmal finden müsste). Die meisten Zeitschriften sind heutzutage ja eh online, da bräuchte es nur die geeignete Software und etwas Guten Willen seitens des Verlags.
Gleichzeitig wäre es natürlich hilfreich, wenn Fach-Weblogs öfters aktuelle Zeitschriftenausgaben rezensieren würden. Daraus könnten auch interessante Diskussionen zu den Inhalten der Artikel entstehen.
Die Unterscheidung zwischen “Profis” und “Amateuren” liefe daraus hinaus, dass auch die deutschen Kernzeitschriften von Amateuren befüllt werden, nämlich von Leuten, deren Aufgabe es gerade nicht ist, für diese Zeitschriften zu schreiben.
Wenn jemand in einer Zeitschrift eine institutionelle Zugehörigkeit angibt, gehe ich davon aus, daß der Aufsatz während der Arbeitszeit entstanden ist. Somit werden die Autorinnen und Autoren sehr wohl für ihre Publikationstätigkeit bezahlt (egal ob das von ihnen verlangt wird oder nicht), und sind demnach als “Profis” anzusehen. (Studentische Autoren sind eine Ausnahme, aber die müssen auch für ihre Hochschulzugehörigkeit zahlen, anstatt von ihr bezahlt zu werden…)
Eine weitere kleine Anmerkung zum Thema gibt es im LIBREAS-Weblog.
[...] Lambert Heller am 31. August 2010 Wir bekamen die hilfreiche Rückmeldung, daß es bei mindestens einem Artikel schwierig ist, die Literatur zu finden, auf die wir mit Autorennamen und Jahr verweisen. [...]
[...] Wer über seine Einrichtung die Password abbonniert hat sollte sich die Artikel durchlesen. Vielleicht kann sich Herr Bredemeier ja dazu durchringen seine Beitrag zur Diskussion um die informationswissenschaftliche Fachkommunikation auch online frei verfügbar und dauerhaft verlinkbar zu machen – am besten auf einem Dokumentenserver. Sein ebenfalls empfehlenswerter Artikel Zur mangelnden Funktionsfähigkeit von Fachinformations- und Fachzeitschriftenmärkten ist auf seiner Homepage einsehbar und bietet eine gute Ergänzung zu Lambert Hellers Blogartikel “Status Quo: Fachblogs — „Amateure“ erschließen das Web als Informationsraum“. [...]
[...] Heller, L. (2010, August 23). Status Quo: Fachblogs — „Amateure“ erschließen das Web als Informationsraum. be. Retrieved December 31, 2010, from http://beyondthejournal.net/2010/08/23/fachblogs/#_ftn1 [...]