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Parallele Trends der Wissenschaftskommunikation im Web und im Journal — Teil 1: Web

Posted in Web 2.0, Weblog, Wiki by Lambert Heller on 6. September 2010

2005 wurde am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das biologische Fachwiki OpenWetWare (OWW; URL: http://openwetware.org) gegründet. Heute handelt es sich um ein Projekt, an dem mehr 100 Labore und Firmen weltweit aktiv beteiligt sind.Auf Grundlage einer modifizierten Variante der Open-Source-Software MediaWiki, mit der u.a. die Wikipedia betrieben wird, teilen die Labors untereinander Informationen, wie z.B. Laborprotokolle. Die geteilten Inhalte unterliegen einer Creative-Commons-Lizenz (BY-SA) und können in anderen Kontexten nachgenutzt werden. Das Beispiel zeigt das Potenzial der Wikis. Diese ermöglichen eine kollaborative Textbearbeitung, bei der jeder einzelne Bearbeitungsschritt dauerhaft nachvollziehbar und eindeutig seinem Urheber zuordbar bleibt. Wissenschaftler können das Wiki daher als „Zwischenlager“ für den laufenden Forschungsprozesse nutzen; spätere Publikationen entstehen z.T. vor dem Auge des Betrachters. Das bei der Laborarbeit entstehende Erfahrungswissen kann zudem von anderen Labors nachgenutzt werden; vieles davon findet Eingang in Tutorials und FAQs.

Im Kontext der Wikipedia wurde das Konzept eines kollaborativen Wissensraums seit 2001 entscheidend popularisiert und weiterentwickelt. Doch während sich die Wikipedia explizit bemüht, als Enzyklopädie kein Publikationsort für originäre Forschungsergebnisse zu sein, beginnt sich in Projekten wie OWW ein umfassenderes Potential des Wiki-Prinzips für Wissensproduktion und Wissenskommunikation abzuzeichnen. Mit Wikis wie OWW wird die Publikation dynamisiert und geöffnet.

Paquet (2002), Efimova (2009) und andere Autoren haben beschrieben, wie Forscher, Wissenschaftsjournalisten und andere “Wissensarbeiter” das populäre Mediums “Weblog” benutzen. 2006 schlug sich die wachsende Popularität dieses Blog-Genres in der Gründung der “Marken”-Blogplattformen Nature Network und Scienceblogs.com nieder. (Neylon 2010)

Zum traditionellen Paper verhalten sich Blog-Einträge meistens nicht als vollständiger Ersatz, sondern als diskursive, kürzere, informelle Ergänzungen, die im Kontext des persönlichen Blogs des jeweiligen Autors sowie weiterer, verlinkter Beiträge zu verstehen sind. Dem entspricht eine Rezeptionspraxis, bei der man als Leser einen Blogautor als lesenswerten, authentischen Experten für seinen jeweiligen Themenbereich entdeckt und ihm dann über einen längeren Zeitraum folgt, also beispielsweise seine (Micro-)Blogeinträge abonniert.

Blogs und spätere Weiterentwicklungen haben die Erstellung, Strukturierung und Verbreitung von Informationen durch den Urheber so stark vereinfacht, daß sie dazu drängen, erneut zu fragen, welche ergänzenden, vermittelnden Rollen und Aufgaben im Publikationsprozeß in Zukunft notwendig sein werden. XML-Feeds und daran anknüpfende Innovationen wie Feed-Aggregatoren sowie Empfehlungs- und Annotationsdiensten wie Twitter eröffnen zudem neue Potentiale der Archivierung und Filterung von Web-Inhalten, die auch im Bereich der Wissenschaftskommunikation noch lange nicht aufgeschöpft sind. Als ein frühes Beispiel für Mehrwert-Dienste in diesem Bereich sei Tweprints erwähnt. Dieser Aggregator zeigt Kurznachrichten des Microblogging-Dienstes Twitter, in denen Publikationen auf dem Preprint-Server Arxiv anhand ihrer ID erwähnt werden. Damit werden die Bemerkungen und Empfehlungen zu neuen Veröffentlichungen dort rasch und gebündelt sichtbar. Dieses Beispiel verdeutlicht einerseits das Potential der kostenlos verfügbaren Massenprodukte im Web, zeigt andererseits aber auch, daß eine sinnvolle, auf die Bedürfnisse der jeweiligen Community ausgerichtete Kombination solcher Dienste zu Mashups mit anschließender fortlaufender Pflege (etwa zur Vermeidung von Spam) keine triviale Aufgabe ist. Die oben angesprochenen vermittelnden Rollen und Aufgaben im Publikationsprozeß scheinen angesichts solcher Mashup-Anwendungen nicht zu verschwinden, werden aber vermutlich neue Kompetenzen voraussetzen.

Bibliografie dieses Artikels und des gesamten Blogs (bei CiteULike, sortiert nach Autorennamen)

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5 Antworten

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  1. René König said, on 6. September 2010 at 12:38

    Interessanter Beitrag!
    Vielleicht zum Thema Twitter & Wissenschaft noch von Interesse:

    Herwig, J., Kittenberger, A., Nentwich, M. und Schmirmund, J., 2009, Microblogging und die Wissenschaft. Das Beispiel Twitter. Steckbrief IV im Rahmen des Projekts Interactive Science, Wien: Institut für Technikfolgen-Abschätzung .

    Gruß

    René

  2. René König said, on 6. September 2010 at 12:44

    Nanu, der Link wurde irgendwie entfernt. Ich versuche es noch mal:

    http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a52-4.pdf

  3. Martin de la Iglesia said, on 7. September 2010 at 07:29

    In diesem Zusammenhang finde ich die Debatte um WikiSource als Publikationsort für originäre Forschungsergebnisse interessant, vgl. http://blogs.law.harvard.edu/infolaw/2009/06/19/using-wikisource-as-an-alternative-open-access-repository-for-legal-scholarship/

  4. […] in Allgemein, Publikationsform von Heinz Pampel am 7. September 2010 Parallel zur im letzten Beitrag skizzierten Entwicklung neuartiger Techniken wie Wiki, (Micro-)blog und Feed-Aggregator zu Medien […]

  5. […] Beiträge erläutern die Trends der Wissenschaftskommunikation. Dabei geht es sowohl um moderne Methoden im Web, wie Wikis, Blogs und Microblogging-Dienste, als auch um innovative Konzepte bei Journals. Im […]


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